To be or not to be… ein Schriftsteller

20150723_jethro_entspannt 20150723_jethro_literaturEs ist wieder mal so weit: Ein Buch ist druckreif. Das Manuskript wurde lektoriert, Korrektur gelesen, gesetzt, noch einmal Korrektur gelesen und dann endlich an die Druckerei gesandt. Nun sitzen meine Verlagsmenschen an ihren aufgeräumten Schreibtischen und unterhalten sich bei Unmengen von Tee und Kaffee – natürlich über Autoren und ihre Werke.

„Die wichtigste Meinung zu jedem Buch ist die Meinung der Leser“, sagt die Verlegerin. „Ich bin überzeugt, dass mancher der heutigen Kritiker Shakespeare abgelehnt hätte. Zu trivial, zu plakativ. Doch William überlebt sie alle. Und die Honorare, die er nach dem heutigen Urheberrecht kassieren würde, wären sicher nicht zu verachten.“

„Das heisst, die Meinung der Kritiker gilt nicht?“, fragt die Praktikantin ein wenig überrascht, und der Lektor wirft ihr einen vielsagenden Blick zu: Es ist ja bekannt, dass die Verlegerin in diesem Punkt sehr eigenwillig ist. „Es fällt mir schwer zu glauben, dass Tausende Leser, die ein Buch gut finden, sich irren, und ein Kritiker, der das gleiche Buch zerreisst, da es ihm zu wenig intellektuell, zu wenig soziallkritisch, zu wenig ich-weiss-nicht-was vorkommt, richtig liegt“, meint die Verlegerin. „Aber alle Autoren bemühen sich, gute Kritiken zu erhalten!“, widerspricht die Praktikantin. „Vielleicht sollten sie sich vor allem bemühen, gute Geschichten zu schreiben und so die Leser zu erreichen“, sagt der Lektor.

„Manche angehende Literaten sind sonderbare Wesen“, sinniert die Verlegerin. „Sie wissen, dass sie sich in jedem anderen Beruf zuerst beweisen müssten, bevor sie nach höheren Honoraren, möglichst vielen Lesungen und nach unbeschränkter Anerkennung schreien dürften. Trotzdem glauben sie, genau das auf dem literarischen Gebiet nicht machen zu müssen. Und wieso glauben einige von ihnen, Verleger und Lektoren werden bereits als ihre Feinde geboren?“

Gute Frage, schnurre ich. Und wir wissen alle, wieso die Verlegerin diese stellt. Da geht es um das verlegerische Experiment, das sie gegen den Rat der anderen Verlagsmenschen mit viel Herzblut und Begeisterung vor einiger Zeit startete: Sie beschloss, ganz jungen Autoren eine Chance zu geben. Leider liess der erhoffte Erfolg auf sich warten. Doch viel schlimmer waren die Reaktionen mancher dieser Autoren – von arrogant bis zu unfair.

„Haben wir es dir nicht gesagt, Verlegerin?“, riefen die anderen Verlagsmenschen einstimmig. „Habt ihr!“, gab die Verlegerin zu. „Aber wer nichts wagt, gewinnt auch nichts!“ Danach zog sie die Konsequenzen: Das Experiment wurde mit sofortiger Gültigkeit abgebrochen.

Und während sich nun meine Verlagsmenschen weiter über dies und jenes unterhalten, erinnere ich mich an die Mail eines sehr erfahrenen, grossartigen Autors, die er an die Verlegerin geschickt hat, nachdem er von dem Vorfall erfuhr. Er schrieb: „Da möchte man Wilhelm Busch zitieren, der so manches drastisch auf den Punkt gebracht hat: Wenn einer, der mit Mühe kaum geklettert ist auf einen Baum, schon meint, dass er ein Vogel wär, so irrt sich der. Den Möchtegern-Vögeln ist das freilich schwerlich zu vermitteln.“ Wie recht er doch hat! Und genau das schnurre ich jetzt, laut und deutlich. Jethro, der Verlagskater

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