Neujahrsbescherung: Daumen nach oben, Daumen nach unten

Jethro und VerlegerinÜblicherweise machen Menschen von Zeit zu Zeit Kassensturz. Meine Verlagsmenschen machen zweimal pro Jahr „Manuskriptensturz“, das heisst, es werden alle Manuskripte besprochen, die im Laufe der letzten sechs Monate dem Verlag angeboten wurden.
Der Tag, an dem das geschieht, ist sehr wichtig. Die Verlagsmenschen erscheinen dann sehr früh zur Arbeit. Drei Holzkisten und eine Kanne Kaffee werden auf den Tisch gestellt und alle – besonders die Lektoren – machen ein sehr ernstes Gesicht. Sie breiten die Manuskripte, die sie gelesen haben, vor sich aus, und dann gehts los! Daumen nach oben, Daumen nach unten.
„Da hätte ich etwas“, sagt einer von ihnen. „Eine recht interessante Geschichte. Die Handlung ist eigentlich recht spannend… Man müsste vielleicht noch ein wenig mehr Tempo reinbringen und die einzelnen Figuren besser ausarbeiten …“
„Wie bitte?, fragt die Verlegerin und stellt die Kaffeetasse ab. „Tempo reinbringen und Figuren ausarbeiten? Heisst das, wir müssten die Geschichte umschreiben?“
Der Lektor: „Na ja, hatten wir ja bei anderen Geschichten auch schon einige Male gemacht…“
Die Verlegerin: „Mit der Betonung auf hatten! Die Zeiten sind vorbei. In Zukunft wird nichts mehr umgeschrieben. Entweder stimmt die Geschichte…“
Das Manuskript landet in der Kiste mit der Beschriftung ABGELEHNT. Einige weitere finden den Weg in die EVENTUELL-Kiste. Ich setze mich in die dritte Kiste mit der Beschriftung ANGENOMMEN, HERBST 2014. Es dauert recht lange, bis ich von der Verlegerin eigenhändig herausgenommen und auf den Boden gestellt werde, da ein Manuskript in den Augen der Verlagsmenschen endlich Gnade findet und anstelle von mir in der Kiste landet. So geht es noch eine Weile: erste Kiste, zweite Kiste, erste Kiste, zweite Kiste, erste Kiste – endlich wieder die ANGENOMMEN-Kiste.  Schliesslich quillt die ABGELEHNT-Kiste beinahe über, die EVENTUELL- Kiste ist bis zur Hälfte gefüllt, in der ANGENOMMEN-Kiste liegen fünf Manuskripte. Dazwischen werde ich immer wieder vom Tisch geschubst.  Das geht natürlich gar nicht! Wenn ich es mir schon nicht zwischen den Papierbergen bequem machen kann, dann suche ich mir einen anderen Platz. Die Kaffeemaschine eignet sich hervorragend dafür. Einige Kaffeekapsel fliegen auf den Boden, und ich lege mich hin. Okay, es ist nicht besonders bequem, aber Rache muss sein! Die Verlagsmenschen scheinen es besonders lustig zu finden. „Jethro, du bist der Grösste!“, rufen sie.
Wie recht sie haben!
Übrigens, alle drei Kisten verschwinden unter dem Tisch. Nun gibt es Prosecco.
Einen guten Rutsch ins Jahr 2014 mit dem notwendigen Quäntchen Glück und vielen, vielen, vielen kreativen Stunden wünscht allen Jethro und das ganze KaMeRu-Team.

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