Und weiter gehts

Jethro und Ivan

Jethro und Ivan

Sie sind wieder da: Meine Verlagsmenschen sind aus ihrem Winterurlaub zurück. Während die Verlegerin und ihr Mann an der Nordsee dem Wind und Regen getrotzt hatten, lagen die anderen im Süden in der Sonne oder suchten nach dem Schnee in den Bergen. Währenddessen hatten wir – Möhrli, Ivan und ich – eine sturmfreie Bude gehabt und nützten dies natürlich aus. So hiess es, alle „verbotene“ Regale und Schubladen durchzusuchen, ein Nickerchen in dem Kleiderschrank der Verlegerin zu halten (zerrissene Strümpfe und Krallenspuren auf einigen Kleidern =  ungeplanter „Kollateralschaden“), das Telefonkabel anzuknabbern, die Vase, die mir schon immer im Weg war, endlich zu beseitigen – und selbstverständlich unsere Katzensitterin auf Trab zu halten. Besonders das hat sehr viel Spass gemacht. Mal da ein wenig Miau, mal dort einen vorwurfsvollen Blick und schon gab es wieder ein „Leckerli“ und die entsprechende Ladung Streicheleinheiten zusätzlich – was wieder einmal eine alte Katzenweisheit bestätigte: Die Menschen wurden zu unserer Unterhaltung erschaffen.

Als die Katzensitterin abends im Gästezimmer verschwand, um sich das Menschenbett mit Möhrli und Ivan zu teilen, machte ich es mir im Arbeitszimmer der Verlegerin auf dem Schreibtisch bequem, um darüber nachzudenken, wie die Bücher, die überall in der Wohnung von der Verlegerin und ihrem Mann stehen, zur Welt kommen. Aus eigener Erfahrung weiss ich, dass es sehr lange dauert, bis ein Buch endlich „geboren“ wird. Die spannendste Zeit ist die Zeit des Lektorats. In der Phase „bewegt“ sich das Buch zum ersten Mal so richtig und zeigt, wie lebendig es ist. Das wichtigste Werkzeug: das Korrektoratsprogramm oder ein Korrekturstifft – und sehr, sehr gute Nerven auf beiden Seiten, beim Autor und auch beim Lektor. Es wird gestrichen, einzelne Wörter werden durch neue Ausdrücke ersetzt und am Ende wird sehr viel telefoniert. Der Lektor ruft die Autorin oder den Autor an, der Autor ruft die Lektorin oder den Lektor an. Von Zeit zu Zeit sind die Gespräche recht laut und aufgeregt. Dann mischt sich meistens die Verlegerin ein, die jetzt endlich aus der Geschichte ein Buch machen möchte.

Der Lektor: „Ich kann die Autorin nicht überzeugen, dass wir in diesem Satz auf der Seite 15 unbedingt ein dann brauchen.“
Die Verlegerin:  „Wie bitte? Die Zeit wird knapp und Sie streiten über ein dann?“
Der Lektor: „Die Autorin mag den Ausdruck dann nicht.“
Die Verlegerin: „Dann machen Sie es ohne dann.“
Der Lektor: „Okay, ich versuche es…“
Die Verlegerin: „Und ich habe einen Termin mit der Herstellung!“
Die Herstellungsabteilung ist die heilige Kuh des Verlages, die auf keinen Fall geschlachtet d.h. verärgert werden darf. Der Hersteller kann mit einem Strich aus einer ledergebundenen Hardcoverausgabe ein Taschenbuch machen.
Die Verlegerin und der Lektor: „Die Geschichte ist wirklich sehr gut und verdient, als Hardcover zu erscheinen.“
Der Hersteller: „Viel zu teuer! Konzentrieren wir uns auf das Papier. Wenn wir dieses nehmen statt jenes, wirkt das ganze Erscheinungsbild edler.“
Die Verlegerin: „Aber…“
Der Hersteller: „Da nützt kein Aber.“
Der Lektor: „Vielleicht könnten wir…“
Der Hersteller: „Da ist der Kostenvoranschlag!“

Irgendwann ist das Buch dann doch noch fertig. Besonders am Tag der Anlieferung merkt man, mit wie viel Liebe und Begeisterung die Verlagsmenschen Bücher machen. Das neue Buch wird vorsichtig ausgepackt, durchgeblättert und gestreichelt – da könnte ich beinahe eifersüchtig werden, denn für mich hat plötzlich keiner mehr Zeit.

Im Übrigen: Ich bin überzeugt, dass Bücher ihr eigenes, geheimes Leben haben. Vielleicht gehen all die Figuren, die sich tagsüber zwischen den Seiten verstecken, nachts auf Wanderschaft und erkunden die reale Welt. Sie schleichen sich in die Träume ihrer Autoren und in die Träume der Verlagsmenschen. Ganz bestimmt in die Träume der Verlegerin. Sonst würde sie wohl nicht um drei Uhr nachts aufstehen, sich ins Arbeitszimmer stehlen und das gerade neu erschienene Buch zum hundertsten Mal durchblättern und dabei ganz selig lächeln.
„Das haben wir wieder einmal geschafft, Jethro“, sagt sie, als ich mich auf ihre Knie hinlege.
„Ich weiss“, schnurre ich. „Es war ein wenig hektisch, aber wir haben es geschafft. Und das zählt.“

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