Leipziger Impressionen

„Und wie war’s?“, schnurre ich, als die Verlegerin vor einigen Tagen von der Leipziger Buchmesse zurückkehrt.
„Na ja…“, sagt sie, lässt sich aufs Sofa fallen und legt die Füsse auf das Beistelltischchen.
Na ja? Das klingt nicht gerade begeistert.
Die Verlegerin holt den Fotoapparat aus der Reisetasche und betrachtet die Fotos, die sie geschossen hatte. Sie schiesst überall und immer Fotos.

KaMeRu-Stand in Leipzig

KaMeRu-Stand in Leipzig

„Hier sind unsere Bücher am Schweizer Stand“, sagt sie.
Unsere Bücher kenne ich. Die liegen ja auch überall herum – im Verlag und in der Wohnung. Auf der Messe liegen sie – wie auch die Bücher von vielen anderen Schweizer Verlagen – auf einem langen Tisch. Es gibt viele Büchertische mit weissen Leselampen und sehr, sehr, sehr viele Besucher, die sich zwischen den Tischen drängeln. Die Verlegerin berichtet, dass die Lesungen toll und die Zuhörer begeistert waren.
Das nächste Foto zeigt eine Gruppe von Menschen. Sie tragen runde Buttons, auf denen steht: Ich bin 49,7%.
„Was soll das?“, schnurre ich.
„Das sind  einige Schweizer Autoren, die sich als schlechte Verlierer outen“, antwortet die Verlegerin. „Sie geben sich empört und betroffen und „schämen sich“ für die Schweiz – vor allem die unter ihnen, deren Werke sowieso keiner kennt –, da das Land die Initiative zur kontrollierten Einwanderung am 9. Februar angenommen hat.  Zwar brüsten sie sich mit der Toleranz gegenüber Andersdenkenden und bekennen sich mit geschwellter Brust zur direkten Demokratie, trotzdem schwingen sie eine von ihnen selbst definierte Moralkeule und sind nicht imstande, die Entscheidung der restlichen 50,3 %  der Bevölkerung zu akzeptieren. Dabei scheinen sie zu vergessen, dass der Autorenverband mit Steuergeldern subventioniert wird. Und dieses Geld kommt auch von den Steuerzahlern, die mit der elitären Haltung mancher Mitglieder des Autorenverbandes nicht einverstanden sind. Bekanntlich pecunia non olet  – Geld stinkt nicht, und so nimmt man es als „weltoffener“ Autor auch von den 50,1% der Beschränkten.“ Die Verlegerin überlegt kurz, dann sinniert sie laut:  „Möglich ist natürlich auch, dass diese Empörten von einer plötzlichen Hirnkrankheit befallen wurden und sie mit den Buttons bekunden wollten, dass ihr Hirn nur zu 49,7% funktioniert. Das wäre eine logische Erklärung für diese peinliche Button-Aktion. Vielleicht sollte der Autorenverband künftig nicht nur darüber diskutieren, wie er es mit den Ergebnissen einer demokratischen Abstimmung, die ihm nicht passt, hält, sondern vor allem darüber, wie es seine Mitglieder mit sich selbst halten. Die ach so stolzen Button-Träger behaupten, es hätte unter den Mitgliedern des Verbandes keinen Widerstand gegen diesen lächerlichen Auftritt gegeben: Alle ohne Ausnahme waren wir einverstanden. Alle!
Als Verlegerin erfahre ich hinter vorgehaltener Hand etwas ganz anderes: Man hat den Blödsinn hingenommen, um nicht irgendwelche Unannehmlichkeiten als Autor in Kauf nehmen zu müssen.“

DDR-Laden

DDR-Laden

Das nächste Foto:  Fensterauslage eines Ladens. DDR-Laden steht da, das Ganze wirkt ein wenig wirr.
„Diese ewige DDR- Nostalgie“, sagt die Verlegerin. „Irgendwie befremdend, von manchen der deutschen Autoren, die in Unfreiheit aufgewachsen sind, zu erfahren, dass es eigentlich gar nicht so schlecht war oder dass nicht alles schlecht war. Eine „besondere Kreativität“ wird beschworen, die nur „unter diesen Bedingungen“ entstehen konnte. Eine seltsame Sicht der Sache und eine seltsame Geisteshaltung.  So gesehen ist in keinem diktatorischen System „alles schlecht“ – vorausgesetzt, man hat die „richtige“ Hautfarbe, die „richtige“ Religion und die „richtige“ politische Meinung. Ein Affront gegen alle, die sich dem sozialistischen Wahnsinn nicht unterordneten, dafür im Gefängnis landeten oder gar an der Mauer erschossen wurden, weil sie in Freiheit leben wollten.“ Die Verlegerin schweigt einen Augenblick.
Später werden einige der Fotos ausgedruckt und in ihrem Arbeitszimmer an die Pinnwand geheftet, neben einem Zitat von Voltaire: Ich mag verdammen, was du sagst, aber ich werde mein Leben dafür einsetzen, dass du es sagen darfst.

Nachtrag: Seit gestern hängt der offene Brief des Schweizer Autors Claude Cueni an Raphael Urweider, den Präsidenten des Autorenverbandes, an der Pinnwand. Er trägt die Überschrift Intellektueller Kindergarten, die Verlegerin hat ihn aus der Weltwoche ausgeschnitten.  Der Verfasser wünscht sich „einen Berufsverband, kein pseudointellektuelles Politbüro“. Die Verlegerin liest den Text mehrmals, dann nickt sie zustimmend. „Jethro, er spricht mir aus der Seele.“

Nikolai-Kirche

Nikolai-Kirche

Gedenktafel vor der Nikolai-Kirche

Gedenktafel vor der Nikolai-Kirche

Meistfotografierteste Fassade in Leipzig

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