Kommt Zeit…

Jethro wünscht frohe Ostern.

Jethro wünscht frohe Ostern.

Habe ich bereits erwähnt, dass meine Verlagsmenschen sich von Zeit zu Zeit in der Wohnung der Verlegerin und ihres Mannes treffen, um am Esstisch im Wohnzimmer bei sehr, sehr, sehr viel Kaffee zu arbeiten? Mir macht es natürlich doppelt so viel Spass wie die Arbeit im Verlagsbüro. Die Wohnung ist nämlich das unbestrittene Revier von uns Katzen und das wissen meine Verlagsmenschen auch und sind noch netter und rücksichtsvoller als sonst – was bleibt ihnen auch anderes übrig, nicht wahr?

Meistens erscheinen sie in der Wohnung vor den Feiertagen – so auch gestern, da Ostern bevorsteht. Also, nachdem die Verlegerin, der Lektor, der Übersetzer und der Korrektor ihren ersten Liter Kaffee getrunken und ihre Laptops auf dem Tisch aufgestellt hatten, begannen sie auch schon zu arbeiten – und wie immer über dies und jenes zu diskutieren. Das Herbstprogramm wird vorbereitet und das ist eine ernste Sache. Wie soll die Herbstvorschau 2014 aussehen, was soll im Editorial stehen und welchen Buchumschlag nimmt man für die Titelseite der Vorschau?
„Wie bitte?“, miaue ich. „Ihr redet über Herbst? Der Frühling hat doch kaum begonnen, der Sommer steht bevor! Herbst ist noch so weit entfernt!“
„Ja“, meint die Verlegerin. „Er ist bis zum 16. Mai entfernt. Dann muss die Herbstvorschau an die Buchhandlungen verschickt werden, Jethro. Also runter von meiner Tastatur!“

So und ähnlich geht es fast den ganzen Tag. Termine, Termine, Termine!
Irgendwann mal – die alte Wanduhr schlägt bereits halb sechs abends und ich habe abwechslungsweise zwei, drei Nickerchen mal auf der, mal auf jener Tastatur gemacht – holt die Verlegerin die x-te Kanne Kaffee aus der Küche, stellt alles auf den Tisch, was sie noch im Kühlschrank findet und sagt: „Ich weiss nicht, wo die Zeit bleibt.“
„Das möchte ich auch wissen“, sagt der Lektor. Der Korrektor und der Übersetzer nicken zustimmend.
„Kaum hat das Jahr angefangen, schon ist es auch wieder vorbei“, meint die Verlegerin.
„Na, na, ganz so tragisch ist das doch nicht. Ihr Menschen könnt die Zeit einfach nicht geniessen. Das ist euer Fehler!“, miaue ich und strecke mich noch ein bisschen mehr – der Tisch gehört schliesslich mir.
„Vielleicht sollten wir es wirklich so machen wie die Katzen“, meint die Verlegerin und krault meinen Bauch. Ich schnurre genüsslich und die Verlagsmenschen werden plötzlich ganz nachdenklich.
„Vielleicht sollte man sich einfach entschliessen, Zeit zu haben“, schlägt der Korrektor vor, der ein eifriger Anhänger der Philosophie ist, und zitiert sogleich Seneca: „Es ist nicht zu wenig Zeit, die wir haben, sondern es ist zu viel Zeit, die wir nicht nutzen.“

Jetzt wird’s interessant und ich spitze die Ohren.
„Wir versuchen die Tage effizient zu nutzen, um möglichst viel Zeit für uns zu gewinnen – vielleicht klappt es gerade deswegen nicht“, meint der Lektor.
Habe ich es nicht gerade gemiaut?
Die Verlegerin wirft dem ein wenig trostlosen Balkon einen Blick zu. „Eigentlich habe ich mir vorgekommen, Tulpen zu pflanzen, aber irgendwie fand ich keine Zeit dafür.“
Einer nach dem anderen outen sich meine Verlagsmenschen, für wen und wofür sie sich keine Zeit genommen haben. Beinahe tun sie mir ein wenig leid und ich glaube, einen leichten sentimentalen Unterton zu vernehmen. Also nichts wie hin, um sie wieder aufzuheitern!

„Wie wärs, wenn ihr damit beginnt, euch auf den Augenblick zu konzentrieren?“, miaue ich. „Schaltet eure iPhones aus, schleppt eure Laptops nicht mehr ins Bett und sucht euch echte statt virtuelle Freunde. Ihr werdet staunen, wie viel Zeit ihr plötzlich habt!“
Nachtrag: Ich weiss nicht, ob die Verlagsmenschen meine Vorschläge beherzigen, aber auf jeden Fall stand heute früh ein grosser Tulpenstrauss auf dem Esstisch. Für gewöhnlich pflegen Möhrli, Ivan und  ich jegliche Blumen umgehend zu „köpfen“. Diese lassen wir ausnahmsweise in Ruhe. Und die Verlegerin sitzt auf dem Balkon – ohne Laptop – und liest im Manuskript von Kater Chaplin.

Frohe Ostern wünscht allen
Jethro, der Verlagskater