Die unerträgliche Leichtigkeit der Inkonsequenz

Der Sonntag ist bei der Verlegerin immer der Tag der Presse. Das heisst, es werden alle Zeitungen, Zeitschriften und Illustrierten, die sie während der Woche nicht zu lesen schaffte, durchgeblättert und durchgesehen, bevor sie ordentlich zusammengeschnürt in die Altpapiersammlung wandern.
Ich mag es, denn da kann ich ausgiebig mit der Schnur spielen, einige Seiten mit meinen Krallen richtig auseinandernehmen oder mich gar in den Tages-Anzeiger, die NZZ oder Die Welt so richtig einwickeln.
So auch am letzten Sonntag, aber diesmal fand es die Verlegerin noch weniger lustig als sonst.
„Ich kann es nicht mehr hören und nicht mehr lesen“, rief sie verärgert, als sie die NZZ auf den Stapel der anderen Zeitungen legte. „Da hackt man wieder einmal auf Russland herum, rüstet verbal auf, ohne sich mit den historischen Tatsachen auseinanderzusetzen. Denn bis 1954 war die Krim ein Teil der Russischen Föderativen Sowjetischen Republik, bis Chruschtschow sie sehr wahrscheinlich im Suff der Ukraine „geschenkt“ hatte. Im Tages-Anzeiger vom 30. August 2014 holt der Autor Andrej Kurkow, der sein Geld im Westen, unter anderem auch in der Schweiz, verdient, gleich zum Rundschlag aus, denn Herr Kurkow weiss es: „Pro EU sind im Prinzip alle.“ Es seien nur einige Rentner in der Grossstädten, die ernsthafte ökonomische Probleme haben. Also alles paletti: Man kann den Kapitalismus „umarmen“ – samt seinen negativen Seiten – und sich der EU anschliessen. Ich nehme an, besonders die einigen Rentner mit den ernsthaften wirtschaftlichen Problemen können diese innige „Umarmung“ des Kapitalismus und den Anschluss an die EU, die ihnen einen noch härteren Überlebenskampf bescheren, kaum abwarten. Denn diese Rentner sind es gewohnt, schon bei den heutigen Gaspreisen zu frieren, also werden ihnen die höheren Gaspreise und andere von der EU vorgeschriebene aberwitzige Reglementierungen, die Herr Kurkow mit seinen von den westeuropäischen Verlagen kassierten Honoraren problemlos bezahlen wird, ganz bestimmt nichts ausmachen.“
Ich spitzte sofort die Ohren, wie ich es immer mache, wenn die Verlegerin in diesem Ton spricht. Und sie fuhr auch schon fort: „Ich frage mich, wo die EU, Herr Kurkow und seinesgleichen waren, als nach der Auflösung der Sowjetunion 1991 eine korrupte ukrainische Regierung nach der anderen das Land plünderte, nichts für die Bevölkerung tat und sich schamlos bereicherte. Dass die EU sich in der Ukraine eingemischt hat, war ein Blödsinn, der auf dem blauäugigen Glauben beruhte, dass die Russen Putin die Unterstützung entziehen. Genau das Gegenteil passierte.“
Nun wurde die Verlegerin echt sauer, also runter von den Zeitungen, die Schnur loslassen und abwarten, bis sich meine Futterlieferantin wieder beruhigt hat.
„Übrigens“, sagte sie, „ich nehme an, dass Andrej Kurkow und die anderen Literaturschaffenden ihre Empörung über Russlands Machenschaften nun auch tatsächlich konsequent in die Tat umsetzen werden und der Buchmesse Moskau 2014 fernbleiben. “
Die Zeitungen landeten auf dem Altpapier.  Was war anders als an den anderen Sonntagen? Diesmal folgten ihnen auch die drei Bücher von Andrei Kurkow, die bis jetzt im Bücherregal der Verlegerin standen. Bye, bye, do „neswidanija“.

Jethro, der Verlagskater

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