Über das Glück

dezember2014webNeigt sich das Jahr  dem Ende zu, werden meine Verlagsmenschen ein wenig sentimental und nachdenklich. Da sitzen sie gemeinsam am grossen Arbeitstisch der Verlegerin und unterhalten sich über dies und jenes – nicht nur über die Manuskripte, die sie erhalten haben, und über die Bücher, die aus ihnen entstanden sind. Ich mache es mir dann bequem inmitten der Runde und höre ihnen zu.
„Alle Jahre wieder wünschen wir uns vor den Festtagen gegenseitig viel Glück“, sagt die Verlegerin. „Aber was ist das eigentlich: Glück?“
Ich spitze die Ohren. Was soll diese Frage? Für mich bedeutet Glück, hier zu liegen, neben der Schale voller Weihnachtsgebäck, und mich kraulen und streicheln zu lassen. Die Menschen sehen die ganze Sache anscheinend ein wenig komplexer. Die Frage der Verlegerin bleibt bildlich in der Luft hängen, und alle runzeln die Stirn.
„Das fragten schon die alten Griechen. Epikur und Seneca suchten nach Antworten“, meint der Lektor, doch bevor er uns mit seinen reichhaltigen Kenntnissen der Philosophie erschlagen kann, fällt ihm der Übersetzer, der aus Florida stammt, ins Wort: „Es ist nicht gut, immer nur glücklich zu sein. Genauso wie es nicht gut ist, das ganze Jahr lang nur strahlendes, sonniges Wetter zu haben. Ein Gewitter von Zeit zu Zeit kann sehr inspirierend und zufriedenstellend sein.“
„Mich würde glücklich machen, wenn ich nicht jedes Jahr eure ganze Unterlagen neu ordnen müsste“, bemerkt der Buchhalter. Er deutet auf die Ordner in seiner ausgebeulten Aktentasche und wirft – wie mir scheint – einen vorwurfsvollen Blick in die Runde.
Meine Verlagsmenschen überhören seine Bemerkung geflissentlich; sie sind keine Zahlenmenschen, sie sind Sprachgenies und ausserdem mit Wichtigerem beschäftigt: mit der Suche nach Glück.
„Mich machen schon Kleinigkeiten glücklich“, meint die Praktikantin und ich gebe ihr recht. Mich auch! Doch meine Verlagsmenschen zerbrechen sich weiter die Köpfe.
„Ein Glück wäre es, 2015 mehr Zusammenhalt und weniger Missgunst unter uns Büchermenschen zu erfahren. Und mehr Entgegenkommen seitens SBVV den kleineren und mittelgrossen Verlagen gegenüber“, sagt die Verlegerin.
„Ausserdem weniger lächerliche AdS-Aktionen“, wirft der Cheflektor ein, „und keine Übersetzer mehr, die ihr Handwerk nicht verstehen. Und auch keine Juristen, die versuchen, sich auf Kosten unerfahrener Autoren zu profilieren.“
Und, und, und – so geht es noch eine Weile lang. Meine Verlagsmenschen kommen so richtig in Fahrt. Schliesslich einigen sie sich darauf, dass Glück bedeutet, immer wieder eine Neuerscheinung in den Händen zu halten, die Freude des Autors über sein Buch zu teilen und Buchhändlerinnen zu finden, die neuen Autoren eine Chance geben.
Etwas später verabschieden sich alle andere, nur die Verlegerin und ich bleiben noch einige Augenblicke am Tisch sitzen und sinnieren vor uns hin.
weihnachtskarte„Ein weiser Mann sagte einst, das Glück bestehe aus den kleinen Augenblicken, in denen Probleme und Sorgen gerade eine Pause machen“, sagt die Verlegerin und ich schnurre laut und deutlich: „Glück ist, jeden Augenblick zu geniessen!“
Als wir dann endlich zu Hause auf dem Sofa sitzen, scheint mir, dass sie es endlich verstanden hat, und so schmiege ich mich glücklich ans sie, während sie die Weihnachtsgrüsse verschickt: „Der KaMeRu Verlag wünscht allen frohe und besinnliche Festtage und besonders viel Glück im Jahr 2015. Und die Weisheit, es zu erkennen und beim Schopfe zu packen.“

Jethro, der Verlagskater

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